Freitag, 17. Februar 2012

Alaaf und Helau an alle. Ich hoffe, Ihr habt die ersten Karnevalstage schon ordentlich gefeiert und habt noch genügend Energie für die kommenden Tage. Nachdem ich mir gestern Nacht dann doch etwas wehmütig die Fotos vom Kölner Alter Markt online angeschaut habe, werde ich am WE wohl hoffentlich auch noch mal in den Genuss des lateinamerikanischen Karnevals kommen. 



Aber alles der Reihe nach. In der ersten Februarwoche ist eigentlich wenig Spektakuläres passiert. Außer, dass ich mich auf einige Jobangebote im Internet online bewerben konnte, gibt es jobtechnisch nichts zu berichten. Die Highlights waren eher ein Besuch im Kino in Puerto Madero, der sich ungewollt in die Länge zog, da uns ein derartiger Wolkenbruch im Gebäude gefangen hielt, dass man es nicht über die Straße schaffte ohne weggeschwemmt zu werden. Zuerst überlegten wir, noch einen Film zu gucken, aber da uns das Angebot nicht überzeugte, wagten wir den Ortswechsel immer an der Wand lang zum Restaurant im Nebenhaus. Dort blieben wir dann, bis man sich langsam wieder vor die Tür trauen und ein Taxi ergattern konnte. Für die Subte (U-Bahn) war es schon zu spät (die schließt ja großstadtmäßig um 22:45 Uhr ihre Pforten). Die hätte uns allerdings eh nicht viel geholfen, da sie vollgelaufen war :-) In der Woche darauf bin ich auch noch mal auf dem Nachhauseweg in einen ähnlichen Regenguss gekommen. Da war es allerdings ich hatte danach eh nix mehr vor. Innerhalb von 5 Minuten war ich triefend nass und durfte durch knöcheltiefe Bäche steigen. War aber eine sehr witzige Erfahrung und bei den Temperaturen auch echt erfrischend.
Ansonsten war ich auf einer privaten Weinprobe, bei Delphine, einer sehr netten Französin (ja, das gibt es ;-)) ),




hab mit Regi und Claudia ein paar Kneipen unsicher gemacht, war mit Maria noch mal in La Boca und wir haben den Gaucho-Nachtmarkt in Matadores besucht. Das ist der Markt auf dem ich schon mal sonntags Nachmittags war und er dann nicht stattgefunden hat. Im Sommer ist er Samstag Nachts. War ganz nett mit einigen Kunsthandwerkständen, vielen Fressständen und Grills und diversen Folklorevorführungen. Da wir damit aber noch nicht ganz ausgelastet waren, leisteten wir der Einladung einer Österreicherin Folge und fanden uns gegen 23 in ihrer Wohnung ein, wo wir und noch 4 argentinische Mädels uns mit Wein und Snacks auf die folgende Disconacht einstimmten (ja, wieder bis 5:30 Uhr...). Hier konnte ich dann mal sehen, wie echte Expats leben. 15 Stock, Luxusapartment mit Dachterrasse, Swimmingpool und Fitnessstudio im Gebäude. Gut, den Sicherheitsdienst kriegt man mit genügend Mädels ausreichend verwirrt um ihn zu umgehen :-) Schon ein Unterschied zu den mir vorschwebenden/drohenden Behausungen, die ich mir mit einem potentiellen Job hier leisten könnte...
Am 06.02. kamen Maria und ich irgendwann am späten Nachmittag auf die Idee, wir könnten ja mal zur Bomba de tiempo gehen, einem regelmäßig stattfindenden Trommelkonzert im benachbarten Viertel. Sollte eigentlich ein ganz ruhiger und entspannter Abend werden. War dann aber ziemlich gut, open-air bei schönstem Wetter, 15 Trommler die alles gegeben haben, beste Stimmung und über allem eine dicke Wolke Marihuana. Ach ja, hier haben wir auch gelernt, dass man auf die Frage "Willst Du den Gin Tonic groß oder klein?" nicht sagt, "Ach, mach mal nen großen, das passt schon." Halb taub und jeder einen halben Liter Gin Tonic später waren wir dann so gegen 0 Uhr wieder im Hostel. Soviel zu ruhig und entspannt.





Nach dem Motto, wer schon nix arbeitet, kann ja wenigstens Urlaub machen, sind Regi und ich am 09.02. für ein paar Tage nach Uruguay gefahren. Donnerstag Morgen schön mit der Fähre übergesetzt und nach 2,5 Std. waren wir schon in einem anderen Land. Sogar mit Zeitverschiebung. Unser erster Stopp war Colonia, 







ein wunderschönes, sehr gut erhaltenes/wieder aufgebautes koloniales Städtchen, in dem wir den ersten Tag umhergewandert sind, bevor wir den Bus in die Hauptstadt Montevideo genommen haben. Hier wollten wir bis Samstag Nachmittag bleiben und dann nach Punta del Diablo weiterfahren. Leider kam alles etwas anders. Meine erste Erinnerung an Montevideo vom letzten Mal ist immer "Dunkelheit" und tatsächlich hat sich an der sehr spärlichen Straßenbeleuchtung auch bis heute nicht wirklich was geändert. Daher kommt einem alles immer etwas düsterer vor, als es bei Tage eigentlich ist. So uns auch, als wir im Dunkeln durch Montvideo stolperten um ein Hostel zu finden. Unsere Favoriten waren leider ausgebucht, so dass wir dann auch gar nicht mehr wirklich wählerisch waren und froh waren irgendwann eine Bleibe gefunden zu haben. Das Hostel stellte sich zwar später als relatives Drecksloch heraus mit einer Belegschaft, die sich allesamt das Hirn weggekifft hatten, aber wir wollten ja auch nur 2 Nächte bleiben. Eigentlich! Nur als Beispiel, wir wurden als Kenianerinnen (gut, wir sehen Ostafrikanern auch echt ähnlich, da kann man sich mal vertun) eingecheckt und sie haben es nicht geschafft, Regis Passnummer an die richtige Stelle einzutragen sondern sie haben ihre Steuernummer oder was ich was genommen. Jegliche Frage an dieses Personal war vergebens. Während des Abendessens im nahe gelegenen Restaurant fanden wir dann auch heraus, warum die Hostels alle ausgebucht waren: KARNEVAL!! Ja, hier fängt Karneval früher an und dauert länger. Angeblich ist Uruguay das Land mit dem längsten Karneval der Welt! Das hörte vor allem ich gerne  und natürlich machten wir uns dann gegen 1 Uhr nachts noch auf den Weg zu den LLamadas, das sind Straßenumzüge der einzelnen Stadtteile. Da konnten wir dann noch ein paar Stunden von ganz nahe Trommelgruppen, Tanzgruppen, leichtbekleidete Tänzerinnen, Fahnenschwenker, etc. bewundern. Alles zum mitreißenden Rhythmus des Candombe, der dem brasilianischen Samba sehr ähnelt. Ha, wer braucht Rio, wenn er Montevideo hat. 






Den nächsten Tag verbrachten wir mit dem obligatorischen Sightseeing, besuchten sogar ein Museum für moderne Kunst,





 liefen die Uferpromenade Ramblas entlang und landeten schließlich im Mercado de Puerto einem netten Markt mit jeder Menge Restaurants wo der "Medio y Medio" erfunden wurde. Das Getränk, das extremen Suchtcharakter hat und in den nächsten Tagen unser ständiger Begleiter wurde. Ist eine Mischung aus Weißwein und Sekt. Sehr zu empfehlen. Bis dahin lief unser Kurzurlaub richtig super.







Das sollte sich dann leider nachts ändern. Gegen 2 Uhr (auf dem Rückweg vom Abendessen) schlenderten wir, wie jede Menge andere Menschen auch, die ausnahmsweise gut beleuchtete Hauptstraße entlang. Scheinbar zu entspannt, denn keiner von uns hat schnell genug reagiert, als ein Typ angerannt kam, Regi die Tasche vom Körper riss und flüchtete. All das in Bruchteilen von Sekunden. Tja, was soll ich sagen. In der Tasche war natürlich alles drin: Pass, Bankkarte, Kamera, etc. Damit fing dann der unerfreuliche Teil des Urlaubs an. Ab zum Polizeirevier und dem des Schreibens nicht wirklich zu gut mächtigen Beamten die ganze Story erzählen. Natürlich war uns auch klar, dass das nix bringt, aber wir brauchten ja die Papiere um die nächsten bürokratischen Hürden zu nehmen. Wir haben dann nachts noch ihre Bankkarte gesperrt und die Kontaktdaten der holländischen Botschaft gesucht, bevor wir ziemlich fertig ins Bett fielen. An all zu viel Schlaf war natürlich nicht zu denken, auch wenn Regi sich extrem gut gehalten hat. Ich wäre wahrscheinlich von einer Hysterie in die nächste verfallen. Den Samstag verbrachten wir dann größtenteils in Internetcafes um 1000 Anrufe zu erledigen. So stellte sich dann nach und nach heraus, dass ihre Bank echt ne Scheibe  hat und es ein super Aufwand werden wird, eine neue Karte nach Argentinien zu bekommen, dass die holländische Botschaft in Uruguay vor einer Woche aus Spargründen geschlossen hat und sie sich an eine andere Botschaft der EU wenden soll und dass es besser ist, keinen Notfall in Uruguay zu haben, da weder die holländische Botschaft in Buenos Aires, noch die deutsche, italienische oder spanische Botschaft in Uruguay die Notrufnummer abnehmen. Es war ja schließlich auch klar, dass man uns Freitag Nacht beklauen musste, da Samstag alles zu hat. Damit waren unsere Reisepläne gestorben, da wir Montag Morgen direkt zur Botschaft mussten. Also mussten wir uns weiter in Montevideo beschäftigen und wen sehen wir auf der Hauptstraße wieder? Unseren Dieb mit seinen 3 anderen Junkie-Kumpels, wahrscheinlich wieder auf der Pirsch. Wir waren uns beide sicher, dass sie es waren und auch ihr Verhalten war ziemlich eindeutig, dass sie uns wieder erkannt hatten. Aber was sollten wir tun. 2 harmlose Europäerinnen gegen 4 uruguayische Diebe. Freundlich nach dem Verbleib unserer Tasche fragen erschien uns nicht passend und leider war zu dem Zeitpunkt natürlich auch kein Polizist weit und breit. Und so, wie die Typen uns im Auge behalten haben, hätten wir uns auch nicht mehr vor die Türe getraut, wenn wir sie verpfiffen hätten. Ziemlich frustrierend das Ganze!
Um nicht noch einen Tag in Montevideo verbringen zu müssen, fuhren wir Sonntag dann in das nahe gelegene Punta del Este. Stand eigentlich nicht auf unserem Plan, aber um mal etwas anderes zu sehen, war es ganz gut. Wir legten uns ein paar Stunden an den Strand, planschten im hier viel sauberer erscheinenden Rio de la Plata und fuhren am späten Nachmittag wieder zurück. Mehr kann man dort nicht machen. Es sei denn man hat Geld zum Verbrennen. Punta del Este ist der Strandort der Reichen und Schönen. Ein Louis Vuitton Shop neben dem Rolex Shop und so weiter. Preise sind in USD und ein schnöder Kaffee kostet 4,5 EUR. Also genau das richtige Pflaster zum Wohlfühlen für uns :-P Aber der Strand war nett und für nen Sonnenbrand hat es auch gereicht. Was will man mehr.
Abends sind wir dann zufällig noch mal in eine Karnevalsveranstaltung gestolpert. Dieses Mal eine Art Karnevalssitzung mit jeder Menge Tanz- und Gesangsgruppen aber auch Comedy. Sehr lustig, aber für mich teilweise auch anstrengend, da ich nicht allem folgen konnte und durchaus mal wieder in den ein oder anderen Sekundenschlaf verfallen bin. 





Am Montag war dann der Tag der Wahrheit. Wir gingen zur deutschen Botschaft, die sehr freundlich waren, uns aber nach einem Telefonat mit der holländischen Botschaft in Buenos Aires nicht helfen konnten, da wir zur spanischen Botschaft mussten. Die spanische Botschaft war alles andere als freundlich oder hilfsbereit und sagte uns, dass es mindestens eine Woche dauern würde, bis sie einen Notfallpass ausstellen könnten und bis dahin alles Gute. Hammer! Regi war kurz vorm Amoklauf. Verständlicherweise. Wir einigten uns schließlich darauf, dass ich abends nach Buenos Aires fahren würde, am nächsten Tag ihren mexikanischen Pass einsammeln würde und dann wieder nach Uruguay kommen würde, um sie auszulösen. Etwas aufwendig, hat aber funktioniert. Aber was macht jetzt bitte jemand, der nicht zufällig zwei Pässe hat und alleine unterwegs ist – ohne Pass, ohne Geld.
Gesagt, getan, ich nahm die letzte Fähre nach Buenos Aires und war dann irgendwann gegen 1 im Bett. Um 6 am nächsten Morgen klingelte dann allerdings schon wieder mein Wecker, da ich (bisher noch gar nicht erwähnt) ein Vorstellungsgespräch um 9 hatte, für das ich mich ja noch gar nicht vorbereitet hatte. Das Gespräch war für eine Call Center Agent Stelle. Also nicht wirklich ein Traumjob, aber regelmäßiger Geldeingang wäre nicht zu verachten. Und siehe da, müde, unvorbereitet und mit den Gedanken woanders klappt das alles viel besser. Nach dem Gespräch bot man mir den Job an. Noch ist nix unterschrieben und vorher glaube ich auch an gar nix. Muss jetzt erst mal alle Unterlagen zusammen bekommen. Aber falls es klappt, werde ich Euch natürlich von meiner neuen großartigen Karriere als Call Center Agent berichten. Danach ging es dann zu Regis Wohnung, wo ich den mexikanischen Pass gesucht habe und dann später am Nachmittag wieder mit der Fähre zurück nach Uruguay. In Colonia wartete sie dann schon auf mich und wir konnten letztendlich (nachdem sie noch einmal Strafe zahlen musste, da sie keinen Eingangsstempel nachweisen konnte) das Land gemeinsam verlassen. Soviel also zu unserem kleinen Kurztrip nach Uruguay. Trotz all der Hindernisse müssen wir beide sagen, dass wir von Uruguay sehr angetan sind. Die Leute sind viel freundlicher als in Buenos Aires, das Essen ist besser (ich würde fast auch noch sagen, die Männer sind hübscher), es gibt Medio y Medio und hey – das Land mit dem längsten Karneval der Welt!
Seit gestern bin ich nun auf meinem Behördenmarathon. Ich habe gestern eine Wohnsitzbestätigung bei der Polizei beantragt, die ich eben persönlich zuhause überreicht bekommen habe, dann furchtbare Passfotos machen lassen und 2 Stunden um den Block herum Schlange beim Justizministerium gestanden, um ein Führungszeugnis in Argentinien zu beantragen. Jetzt haben die auch meine Fingerabdrücke. Ich hoffe, ich bekomme heute Nachmittag meinen blöden Wisch mit nur einer Stunde anstehen. Jetzt muss ich nur noch mein deutsches Führungszeugnis übersetzen lassen und jede Seite meines Passes kopieren. Nicht, dass ich nicht schon eine Übersetzung hätte, die wollen eine aus Argentinien…. Wenn ich den ganzen Schmu hab, dann geht es mit der Firma zur Migración und dann mal sehen, ob ich ne Arbeitserlaubnis bekomme. Dazu dann mehr im nächsten Blog.
So, nachdem ich Euch nun einen Roman geschrieben habe, könnt Ihr jetzt wieder feiern gehen.
Alaaf

Britta