Sonntag, 22. April 2012


Viele Grüße aus der Hölle. Zumindest aus der beruflichen. Kurz zusammen gefasst kann man wohl sagen: Ich hasse meinen Job! Seit meinem letzten Eintrag habe ich weitere Projekte dazu bekommen. Jetzt sind es 4 Projekte in 2 Sprachen und wie zu erwarten, habe ich nun jede Menge Anrufe. Das an sich wäre ja ok. Geht wenigstens die Zeit rum. Aber das große Problem ist, dass es für alles nur ein mäßiges Training gibt und man den Kunden oft nicht helfen kann. Das ist schon mal ganz schön frustrierend. Das Schlimmste allerdings sind die amerikanischen Kunden des Golfprojektes. Unerträglich! Ich bin noch nie so oft angeschrien, beleidigt, herablassend und verachtend, kurz und gut wie Dreck behandelt worden. Wenn sie sauer werden, weil ich was nicht weiß, und dann sofort meinen Supervisor sprechen wollen, habe ich ja noch Verständnis. Aber die meisten Beschwerden sind, dass mein Englisch nicht gut oder deutlich genug wäre. Was übersetzt heißt, ich habe keinen amerikanischen Akzent. Oft legen sie einfach auf, wenn sie einen genug vollgemeckert haben. Am liebsten habe ich diese Beschwerde von Leuten, die selbst einen so breiten texanischen Akzent haben, dass sie für mich kaum zu verstehen sind und nicht mal meinen Namen aussprechen können oder meinen Akzent für chinesisch halten! Ich weiß, dass ich einen starken deutschen Akzent in allen Sprachen habe, aber chinesisch…? Komisch auch, dass ich nie Probleme mit den Engländern habe. Dazu kommen dann noch die Leute, die keine Ahnung von dem Produkt haben, das sie gekauft haben. 70jährige britische Ladies, die sich ein Internet Tablet kaufen, aber kein Wifi zuhause haben… Oder der amerikanische Golfer, dem ich 15 min lang versucht habe zu erklären, dass er die Adresse der Homepage in das Adressfeld des Browsers eingeben muss, nicht in das Suchfeld von google…. Hoffnungslos! Es ist ja echt gut mal die andere Seite der Leitung zu sein und ich werde auch nie wieder die Geduld mit einem Call Center Angestellten verlieren – Versprochen! Aber ich zähle bereits die Tage, die ich noch dort sein muss, mit Strichliste. Es sind noch 35. Nur damit Ihr eine ungefähre Idee habt. Ich habe jetzt ca. 35-40 Anrufe am Tag. Das macht 12-15 min pro Anruf mit Nachfragen und Nachbearbeitung. Manche Anrufe dauern nur 3 Minuten, manche über 20 und alle werden aufgezeichnet und von den Supervisoren angehört. Man muss also immer freundlich bleiben. Da bleibt mir also nur nachts von Amokläufen auf dem Golfplatz zu träumen… Was on-top noch ein furchtbarer Nebeneffekt des Jobs ist, dass mein Spanisch jeden Tag schlechter wird, da ich den ganzen Tag nur Deutsch und Englisch rede. Ich denke teilweise schon nur noch in Englisch. Tolle Ausgangssituation. Ich werde für mein schlechtes Englisch beschimpft, dafür wird gleichzeitig auch noch mein Spanisch schlechter. :-( Wie Ihr Euch also vorstellen könnt, bewerbe ich mich fleißig weiter. Ich schaue mittlerweile auch parallel in Mexiko City. Aber zu meinem Erstaunen und auch zu meinem Bedauern, sieht es dort gerade noch schlechter als hier aus. Hier ist ja wenigstens ab und zu eine Stelle dabei, auf die ich mich bewerben kann, aber dort leider bisher noch gar nichts. Wenigstens habe ich mittlerweile einen Vertrag und auch mein erstes Gehalt per Scheck bekommen. Hat auch nur 1 Std. Anstehen gedauert, bis ich ihn einlösen konnte.
Was gibt es sonst Neues außer meinem furchtbaren Job? Nachdem ich kurz für eine Woche in der Umkleidekabine des Yogastudios gewohnt habe, bin ich nun in das Luxuszimmer mit eigenem Bad umgezogen. So nach und nach lerne ich alle Zimmer des Hauses kennen. :-) Der Wechsel führte dann am ersten Morgen gleich mal dazu, dass ich um 4 Uhr morgens schlaftrunken volle Lotte gegen die Tür gerannt bin und 2 Tage lang eine fette Beule am Kopf hatte. Ja, die Comics haben Recht, man sieht tatsächlich Sterne… Weitere, bleibende Schäden gab es aber nicht. Zumindest keine, die ich bemerkt hätte :-)
Was ich aber durchaus regelmäßig immer wieder bemerke, sind die Diebstähle am helllichten Tag, wenn ich um 14 Uhr nach Hause gehe. Man sollte seine Sachen echt immer beisammen halten. Einmal haben sie einer Frau sogar die Uhr oder das Armband vom Handgelenk geklaut. Und wir reden hier von einer der Hauptstraßen in einer sehr guten Gegend. Kriegt man wahrscheinlich nur so mit, wenn man wirklich jeden Tag dieselbe Strecke geht. Ist auf der Schildergasse bestimmt nicht anders…
Ansonsten habe ich in meiner Freizeit die Sternwarte besucht und bin während der Vorführung, wie in jeder Sternwarte der Welt die ich bisher besucht habe, mal wieder eingeschlafen. Weiß auch nicht, was das ist. Wir hatten noch mal eine private Weinprobe mit ein paar Leuten, haben ein paar Filme des internationalen Filmfestivals hier angeschaut und gestern konnte ich mir auch endlich noch mal die Verspannungen aus dem Call Center bis morgens um 5 in einer Disco aus den Knochen schütteln.
Eine nette verspätete Osterüberraschung hatte ich auch noch. Ein Päckchen von Nico mit einer Monatsration Schokolade, etc. Verspätet daher, da der Abholschein 2 Wochen lang in der Tür des Yogastudios steckte und Helge ihn erst so spät gefunden hat. Ein Gutes hatte also die Langsamkeit hier in Argentinien doch mal. Das Paket lag auch nach 2 Wochen immer noch zur Abholung auf dem Postamt bereit.
Spannenderes habe ich leider nicht zu berichten. Die Zeit vergeht viel zu schnell ohne, dass viel passiert. Während ich diese „literarischen Ergüsse“ zu Papier bringe, sitze ich gerade bei live Tangomusik in der wahrscheinlich schönsten Buchhandlung der Welt, dem El Ateneo Gran Splendid (einem umgebauten alten Theater), und mache mir trübe Gedanken darüber, wie es wohl sein wird, wieder zurück zu kommen. Aber soweit ist es ja noch nicht. Habe ja noch über 2 Monate vor mir. Da kann sich noch viel tun. Vielleicht hört Ihr davon ja auch schon im nächsten Eintrag.
Bis dahin!
Liebe Grüße
Britta

1 Kommentar:

  1. Kopf hoch Britta! Hier ein schlauer Spruch aus der esoterischen Ecke: Du darfst dir nie vorstellen wie es ist nach Köln zu fliegen, sondern mußt dir immer vorstellen wie schön es ist in Buenos Aires zu leben und zu arbeiten.
    liebe Grüße aus Köln
    Regina

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